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Überall fremd,
nur im Theater zu Hause

Bei den Aufführungen des Kärntner teatr trotamora, das seit Bestehen unter der Leitung von Marjan Štikar kontinuierlich aktiv ist, beschäftigen mich zwei Gedanken immer wieder aufs Neue. Erstens sind es keine zeitgemäßen, sondern zeitlose Aufführungen. Und zweitens werden hier ernste Themen mit solchen Scharfsinn behandelt, dass ich mit gutem Gewissen über die Tragik und Komik unseres Daseins, über die quälende Normalität unserer Existenz, lachen kann.

Das Wertvolle dieser Theatergruppe ist, dass sie Slowenischsprachige und Deutschsprachige zusammenbringt: die Ausschlusslogik des „entweder – oder“ wird außer Kraft gesetzt und durch die Logik „die einen und die anderen“ ersetzt. Das interkulturell Verbindende an dieser Arbeit liegt in der Vermischung von Traditionen, Sprachen und Kulturen und führt zu ganz neuen Qualitäten und Identitäten, neben denen die alten bedeutungslos werden, obsolet, mehr noch: sie wirken lächerlich.

Die besondere Art der Projektarbeit ermöglicht es Regisseur Štikar ein eigenständiges ästhetisches Konzept zu verfolgen, fernab von Produktionszwängen eines Abonnementtheaters, frei von der Eingeschränktheit auf ein fixes Ensemble, abseits eines gestriegelten Publikums und letztlich ohne Rücksicht auf den Jargon der lokalen kulturellen Norm. Dies zeigt sich auch in seinem ausgesprochen unangepassten und inspirierenden Eklektizismus der theatralen Ansätze, wobei er z.B. Volksstücke unerwartet mit Rap- und Breakdance-Einlagen durchsetzt (Goreca vas, 2003 – Das brennende Dorf), die Kakophonie moderner Medien mit Spots in altaztekischer Sprache illustriert (Nosorogi, 2006 – Rhinocéros), die muffige Atmosphäre einer orthodoxen Einschicht in ein katholisches Milieu transferiert (Profet Ilja, 2007), eine unerfüllte Liebe, angesiedelt in einem Sience-Fiction-Szenario, von jenen im Hier und Jetzt sprechen lässt (Solaris, 2001), Säbelduelle einstiger Potentaten zu Revanchen mit Aktenkoffern moderner Yuppies und anderer Schlipsträger ummodelt (Goreca vas, 2003).

Weltbekannte Pop-Hits fungieren bei ihm kurzer Hand als lokale Aufrufe zur Lynchjustiz (z. B. „We Will Rock You“ von Queen wird zu „Daj ga na gobec! - Poliere ihm die Fresse“, Goreca vas, 2003); Bettler aus dem London des 18. Jahrhunderts lässt er als über die Bühne flitzende Skater reinkarnieren (Opera za tri groše, 1997 – Die Dreigroschenoper); Verrohungen eines Sozialdarwinismus kann er kaum authentischer darstellen als durch „die unschuldigsten aller Wesen“, durch Kinder (Gospodar muh, 1999 – Herr der Fliegen).

Die zeitlose Kritik am Kleinbürgertum und Provinzialismus – vor hundert Jahren oder heute – begegnet einem auch bei seinen Arbeiten als Gastregisseur spitzfedriger Vorlagen Franzobels im Alternativtheater klagenfurter ensemble.
Doch Štikars Inszenierungen sind nicht nur Ausdruck der spezifischen kulturellen und politischen Gegebenheiten in Kärnten, in dem sie entstehen – trotamora ist keine weitere „Grenzland-Kunst&Kultur-Gruppe“. Sie zeichnet sich vor allem durch ihre ästhetischen Konzepte, Multimedia-Einsätze und technisch anspruchsvolle Bühnengestaltung, den lebendigen und herzlichen Einsatz der SchauspielerInnen und die aufopfernde Zusammenarbeit der gesamten Truppe aus.

Darüberhinaus treffen wir in allen Aufführungen auf einen eindeutigen Standpunkt: Problematisierung und aktiver Widerstand gegen Herrschaft, Politik, Religion, Widerstand des gesunden Menschenverstandes, ökonomischer Widerstand, eigentlich jeglicher Widerstand.

In den Stücken klagen die „kleinen“ Leute nicht nur über ihr Unglück und die Ungerechtigkeiten, sondern nehmen ihr eigenes Leben in ihre schwieligen Hände, laden die eigene Geschichte auf ihre gekrümmten Schultern und schlagen zurück, in die richtige, in die falsche Richtung, nach links, rechts, irgendwohin – Hauptsache: Sie zeigen, dass sie leben und wie sie leben.

Die Protagonisten bei Štikar sind Frauen, Entrechtete, Ausgebeutete, Verlorene, Querdenker, solche, die aus der Reihe tanzen, Outsider und Looser der „neuen Weltunordnung“, also alle Andersens Kinder, die brutal auf die Nacktheit des Kaisers, auf die Herzlosigkeit des Herrn und auf die Verlogenheit des Predigers zeigen.

Gegen das Wüten des korporativen Kapitalismus, den verschrieenen gesellschaftlichen Konservativismus und die Tücken neuer Glaubensfanatiker setzen sie sich energisch mit dem zur Wehr, was ihnen zur Verfügung steht: mit ihrer Armut, mit grober Sprache und unmittelbaren Taten. Kurz gesagt, der Schock, letzte Zuflucht seiner Helden, von Štikar auf intelligent mimetische Weise eingesetzt, ist nicht Selbstzweck, sondern affirmiert abermals die Methode und Praxis, wie die französischen Situationisten sie vor Jahrzehnten konzipiert hatten: als politischer Akt, ästhetische Wahl und Kredo eines Lifestyles.

Nach André Breton hat ein Kunstwerk nur dann eine Bedeutung, wenn sich in ihm Zukünftiges widerspiegelt. Das Theaterphänomen trotamora steht eben darin klar abseits von der vorherrschenden Kunstproduktion, die in der Regel bewusst jedem gesellschaftlichen Engagement entsagt und statt dessen lieber herumfischt im trüben Wasser allgemeinen Wohlgefallens, allseitiger Korrektheit, schaler Spektakularität und handlichen Eskapismus, und die hinter billigem L’art pour l’art recht schlecht ihre Prinzipienschwäche, Ängstlichkeit und Ideenlosigkeit versteckt. Bei Štikars Theater befindet sich die ›Poetik der Politik‹ ohne Kompromisse auf der anderen Seite: in ihr verbindet sich die Gesellschaftskritik mit intimen Strategien, Auswegslosigkeit wird überbrückt mit sozialer Erfindungskraft, der Triumph der Ungerechtigkeiten geht unter im Optimismus der Alternativen. Den Mitgliedern der trotamora ermöglicht eben das Leben am Rande – hier wie dort, angesichts dessen, dass sie in ihrer sogenannten ›Heimat‹ dies und jenseits der Karawanken eigentlich Fremde sind und dass sie doch im Theater ein Zuhause haben – eine qualifizierte Kritik an der Verklemmtheit diverser Herrscher und der geistigen Stumpfheit ihrer Gefolgsleute. Mit dem Surrealisten Robert Desnos rufen sie uns zu: Mit Königen duelliert man nicht, Könige guillotiniert man! Sind wir in der Lage, sie zu verstehen? 

Mitja Velikonja
Ljubljana 2008, ob gostovanju »Profet Ilja« v Ljubljanski Drami.

Übersetzung: ttm