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ZALA - Drama in sieben Bildern

Simone Schönett & Harald Schwinger

T E A T R   T R O T A M O R A – t t m


Uraufführung: Pfarrhof St. Jakob i. R., 19. 3. 2010

Regie - Marjan Štikar | visuals - Rudi Melcher | Technischer Assistent - David Višnjić | Musik - Jozej Štikar | Kostüm - Elena Fajt | Kostümassistenz - Mateja Velikonja | Schneiderin - Nada Sawadogo | Bühnenbild - ttm | Schweißerarbeiten - Albert Lesjak | Lichtdesigner - Jaka Šimenc | Lichttechnik - Kristijan Rehsmann | Produktionsassistentin - Alina Zeichen | plakat - ttm | Übersetzung ins Türkische - Mehmet Akbal | türkische Sprachtrainerin - Müberra Neumerkel

E S   S P I E L E N:
Zala - Martina Kanzian | Mirko - Mirko Lepuschitz | Davorin - Izidor Sticker | Almira - Karin Spitzer-Simonitsch | Župarica - Zalika Steiner | Dämon - Martin Koren | Propagandaminister - Toni Isopp

Denkmal-Männer:
Handwerker - Martin Zwitter | Bauer - Karel Krautzer | Soldat - Jozi Spitzer | Arbeiter - Mihi Mischkulnig | Bürger - Janko Zwitter

Turnerbrigade:
Winfried Marinitsch - Franci Obiltschnig | Karl Fritz - Drago Pörtsch | Bruno Czeitschner - Tonej Sticker

Blondinen - Hanca Pörtsch . Nadja Pörtsch | Putten - Lili Kogoj . Rozka Tratar |
Jugend - Darina Gabriel . Luca Mak . Lan Sticker . Mira Urbajs | Mädchen - Mira Kofler | Tätowierer - Franci Spitzer | Bürokraten - Niko Janežič . Gregor Novak

Miklova Zala, eine realistische Erzählung von Jakob Sket (1884)

MIKLOVA ZALA 1937, St. Jakob/Šentjakob

Zala, (= die Hübsche), wächst in Schlatten/Svatne bei St. Jakob im Rosental/Šent jakob v Rožu auf. Ihr Vater ist im Kampf gegen die Türken gefallen. Kurz vor seinem Tod verspricht ihm sein Kamerad und Nachbar Serajnik auf Zala auf zupassen und sie mit seinem Sohn Mirko zu vermählen. Zala und Mirko sind also einander versprochen.

Almira, das zweitschönste Mädchen des Dorfes, Tochter eines jüdischen Geldverleihers und Händlers ist in Mirko unsterblich verliebt und umwirbt ihn. Sie intrigiert mit Hilfe ihres Vaters beim Sultan, woraufhin die Türken wieder im Rosental einfallen, Mirko einsperren und nur frei lassen, wenn Zala mit ihnen als Sklavin in die Türkei zieht. Um den geliebten Mirko zu befreien, ergibt sie sich ihrem schweren Schicksal.

So fristet sie nun sieben Jahre ihres Lebens in den Händen des Sultans. Als sie der türkische Herrscher zum Konvertieren zum Islam zwingen will, flieht Zala mit Hilfe ihres Onkels Marko aus dem türkischen Gefängnis.

Die Hochzeitsglocken kündigen den Bund zwischen Mirko und Almira an, als sie endlich wieder ihren Heimatort erreicht hat. Zala erzählt den versammelten Hochzeitsgästen von Almiras Verrat. Anstatt der Hochzeit wird nun Zala's Rückkehr gefeiert.

Zum Stück

Im September 2009 waren wir uns in der Gruppe Theater Trotamora einig, dass es an der Zeit ist, sich an ein Projekt zu wagen, das schon öfter besprochen und auch schon teilweise geplant worden war. Wir wollten ein Stück vorbereiten, in dem wir uns mit dem Zusammenleben von deutsch- und slowenischsprachigen in unserer Heimat befassen würden. Da sich das 90-Jahr-Jubiläum der berüchtigten Kärntner Volksabstimmung aus dem fernen 1920er Jahren nähert, das unserer Meinung nach die schlimmste Trennung im Zusammenleben zwischen den beiden Völkern in Kärnten verursacht hat, wäre dies noch ein besonderer Anlass, den geplanten Schritt zu wagen.

In den ersten Vorbereitungsgesprächen, entwickelte sich eine lebendige Diskussion und wir alle merkten verwundert, wie sehr uns dieses Thema noch erregt, wie sehr wir noch verletzt sind – von den Älteren in unserer Gruppe bis zu den Jüngeren.

Es wird zusätzlich der Gedanke geboren, dass es gut und vernünftig wäre – auch im Sinne des Theaterstückes – die andere Seite, die so genannte deutsche Mehrheit – anzuhören. Wie beurteilt sie uns, welche Vorurteile und Gefühle hat sie uns gegenüber? So begann sich trotz allen Hindernissen im Pfarrhof St. Jakob eine Gruppe von Leuten zu treffen, die sich unter fachlicher Leitung mit den eigenen Traumata und denen von ganz Kärnten auseinandersetzen will. Einen Monat später – die Gruppe trifft sich trotz anderer Absich ten noch weiterhin – nennen wir sie die »Gruppe anonymer Slowenen«, denn fast jedes Mitglied hat slowenische Vorfahren. Wir selbst nennen uns die »Selbsthilfegruppe«.

Zwar schrieb ich per E-Mail auch (deutsch- und slowenischsprachige) Kärntner an, die schon längere Zeit außerhalb unserer engstirnigen Heimat leben, mit der Bitte, dass sie ihre Erfahrungen mit der Nationalität und mit ihrem Heranwachsen in Kärnten niederschreiben sollen, aber ich bekam nur eine Antwort. Selbst die Jugend, mit der ich ebenso eine Gesprächsgruppe gründen wollte, konnte ich nicht genügend motivieren, dass sie über dieses Thema diskutiert.

Es blieben schließlich nur zwei (genügend große) Gruppen, die sich nach dem neuen Jahr in einer großen Diskussionsrunde trafen. Vor dem Gespräch selbst konnte man die Anspannung spüren. Wir bildeten uns zwar ein, dass wir alle gute Absichten hatten, dass niemand von uns dem anderen gegenüber Vorurteile oder Vorbehalte hat, trotzdem fürchten wir uns, dass vielleicht versteckte »Wahrheiten« oder schon längst verheilte Wunden zu Tage kommen könnten, dass (schon wieder) der eine den anderen nicht verstehen könnte oder wir nicht imstande wären, es so zu formulieren, wie es für den anderen verständlich, glaubwürdig und wahrhaftig wäre. Tatsächlich zeigte sich, dass die Angelegenheit verworren ist und es nicht möglich sein wird, sie in einer Diskussionsrunde zu lösen, erst recht nicht, weil anscheinend niemand will, dass das Gespräch oberflächlich bleibt und nicht wenigstens ein Steinchen unserer Karawanken bewegt wird. Doch in diesem Augenblick mussten wir seitens unserer Theatergruppe die Gespräche beenden, um uns schließlich auf unser Stück zu konzentrieren, das wir schon bald der Öffentlichkeit präsentieren wollten.

Parallel mit diesen Gesprächen kümmerten wir uns in der Theatergruppe schon von allem Anfang auch um das Stück, das aus dem Stoff der beiden Gesprächsgruppen entstehen sollte. Die Zeit verging, die Ideen häuften sich und vor uns türmte sich ein schier unlösbares Problem – wie wir all dies in ein homogenes Stück unterbringen könnten. Hinsichtlich des Jubiläums der Kärntner Volksabstimmung war uns klar, dass wir irgendwie den deutschtümlerischen Mythos, das so genannte Abwehrkämpferdenkmal einbauen sollten. Gleichzeitig lag uns auch der slowenische Mythos von St. Jakob im Magen, die Miklova Zala – mehrmals haben wir in der Gruppe darüber gesprochen, doch es blieb immer nur beim Scherzen. Angesichts der Tatsache, dass diese Geschichte von der Miklova Zala unseren Vorfahren in den schweren Zeiten des 20. Jahrhunderts viel bedeutet hat, dass sie Trost und Hoffnung für all das Erlebte und Erlittene spendete, erinnerte ich mich wieder an sie. Auf diese Weise habe ich die Grundpfeiler des Stückes mehr oder weniger zufällig abgesteckt.

Es blieb jedoch trotzdem noch der größte Brocken. Wer kann uns ein neues Theaterstück schreiben? Weil ich schon mehrmals slowenische Kärntner Autoren befragte, ob sie mir bzw. uns etwas schreiben würden, war ich deshalb ziemlich besorgt. Schließlich entschied ich mich doch und rief Harald Schwinger an, einen Autor aus dem benachbarten Ledenitzen, dessen Buch Das dritte Moor manche Schauspieler und Schauspielerinnen vor Begeisterung verschlangen und mir ans Herz legten. Zu meiner Verwunderung ergriff Harald sofort die Gelegenheit und gemeinsam mit seiner Gefährtin Simone Schönett versprachen mir beide, dass sie mir termingerecht innerhalb von zwei Monaten auf Grundlage unserer Ideen ein Theaterstück schreiben würden. Meine Anfangsbedenken – die beiden Autoren kennen weder »unsere« Situation noch die Miklova Zala zur Genüge – lösten sich bald in nichts auf; im Gegenteil, als wir in unserer Theatergruppe das erste Mal die ZALA lasen, lachten und amüsierten wir uns ausgiebig und trotzdem waren wir am Ende sehr betroffen! Wir konnten uns überhaupt nicht vorstellen, dass »jemand Außenstehender so gut unsere Seele erfassen kann«. Es folgte ein spontaner Applaus aller anwesenden ttm-Mitglieder, und danach noch monatelange Arbeit und Vorbereitungen für die Uraufführung »unserer ZALA«!
Marjan Štikar

»mi smo mi – vi ste vi«

Geschichten erzählen, die Geschichten der »anderen« hören, einander zuhören, versuchen zu verstehen oder zumindest anerkennen – die Menschen mit ihren Geschichten.
Die Bevölkerung, die sich aufteilte, aufgeteilt wurde, in eine Mehrheit, die früher eine Minderheit war, und in eine Minderheit, die früher einmal eine Mehrheit war.
Statt ewig Ängste, Misstrauen und Neid zur Aufrechterhaltung von Feindbildern aufzukochen, wollten wir uns mit den »anderen« ehrlich auseinandersetzen – darum haben wir uns zusammengesetzt.
»Unsere Eltern wollten uns etwas ersparen.«
»Meine Eltern sagten, sie wollten mir das kostbare Deutsch mitgeben.«
Jene, welche zur Mehrheit wurden, sich assimilierten, entledigten sich ihrer Muttersprache aus berechtigter Angst, ihre Existenz, ihr Leben zu verlieren. Oder um nicht mehr aufgrund ihrer Sprache ausgegrenzt zu werden, um mehr Chancen im Beruf zu haben. Oder weil sie dem Regime folgend, sich von sich selbst ab- und den »Herrenmenschen« zuwandten. Oder …
»Der Vater bestimmte, die Mutter durfte mit uns Kindern nicht Slowenisch sprechen. Aber mit den Nachbarn, da habe ich sie Slowenisch reden gehört.«
»Da waren nur stumme Kinder, wenn man zu einem Haus kam.«
Die Sprache hat die Menschen verraten. Darum wurde sie verleugnet und
versteckt.
»Ich spreche nicht Slowenisch, nur Windisch, das ist ein Kärntner Dialekt.«
»Meine Mutter sagt, sie hat eine eigene Sprache.«
»Oče naš« ist vielen als tief im Gedächtnis gespeicherte gemeinsame Sprach erinnerung geblieben.
Die politisch korrekte Aufteilung, wer TäterIn, Widerstand leistende/r und Opfer war bzw. ist, sollte aus heutiger Sicht klar sein. Betrachtet man jedoch die damaligen Lebensumstände und Schicksale einzelner Menschen, wird diese Bewertung sehr viel schwieriger. Erst im Hinschauen auf die individuellen Geschichten der Menschen zeigt sich das Ausmaß ihres Leidens, ihres Mutes – und auch ihrer Schuld.
»Ich hatte Opfer – auf beiden Seiten – in meiner Familie.«
»Es ist nicht meine Schuld, in einer Familie aufgewachsen zu sein, in der das Slowenische verloren ging. Ich will mich nicht mehr rechtfertigen müssen, keine Erbschuld tragen.«

Unsere Fragen:
»Kann man Kärntner SlowenIn sein, wenn man nur deutsch kann?«
»Müssen wir eure Sprache lernen oder reicht euch unsere Solidarität, um mehr Vertrauen und Nähe zuzulassen?«
Unsere Ambivalenz:
Wir freuen uns, dass ihr eure Sprache pflegt, auch wenn wir euch dadurch oft nicht verstehen.
»Hast noch immer nicht slowenisch gelernt?«, hören wir auf unsere Klagen. Manchmal denken wir uns trotzdem, die könnten sich ja so unterhalten, dass wir auch was mitkriegen.
»Redets deitsch«, das habt ihr leider schon sehr oft gehört.
Ihr grenzt euch ab, es ist wie eine Mauer.
Je bedrohter eine Gruppe sich fühlt, desto weniger Kontakte nach außen hält sie. Sich schützen gegen Verletzung, gegen das Ausgelöscht-werden, das endgültig Verloren-gehen.

Mi: »Danke, dass ihr die slowenische Sprache und Kultur beschützt und bewahrt habt.«
Vi: »Es ist gut Euch zu hören, jetzt spüre ich Euch, Euer Interesse berührt mich.«

Die Diskussionsrunde:
Elisabeth Prettner, Ute Lambauer, Heidi Nöller, Barbara Seidl, Peter Meisterl, Silvia Ramusch, Nadja Krautzer, Christian Mikula, Gerhard Kuchling, Klaus Cerjak, Silvia Jelinek und Inge Seher.